Probenwoche
Wir schreiben den 27. Dezember. Es ist 8 Uhr morgens. Nebel verdichtet sich, Weihnachtsgerüche liegen noch in der Luft und etwa 45 junge Menschen trudeln nach und nach am Zentralen Omnibusbahnhof ein. Dem Gepäck nach zu urteilen begibt sich der JKC auf eine Weltreise, die mindestens drei Monate dauert, dabei dauert die Probenwoche eigentlich nur fünf Tage. Wenn man das aber genau betrachtet, so ist die Vielzahl an Koffern schon berechtigt. Schließlich bekommt man ja schon zur Anmeldung genaue Instruktionen, was man unbedingt mitzubringen hat: Vom Hustenbonbon über den Bleistift bis zum Trainingsanzug für die tägliche Morgengymnastik (wobei die Jogginghosen in der Realität eher in der Minderheit sind).
Nachdem Chorpräsidentin Fabi auf ihrer Checkliste alle abgehakt hat, kann es losgehen. Mit guter Laune verabschiedet man sich von den daheim Gebliebenen. Zu Beginn gibt es erstmal eine große Diskussion über das jeweilige Ziel: Welche Musikakademie war das noch gleich? Die mit dem tollen großen Saal, die mit der Orgel im Speisesaal oder die mit der Sauna und der Kegelbahn? Wie sahen die Zimmer aus? Bei ausgelassener Stimmung dank toller Musik (meist von Hubsi, unserem Busfahrer) vergeht die Zeit schnell; ehe wir es uns versehen, sind wir schon da.
Mittlerweile ist es ungefähr 11 Uhr, und wir versuchen krampfhaft unsere Sachen ins Haus zu bringen. Im Eingangsbereich geht der Stress dann erst richtig los. Da heißt es dann Schlüsselübergabe, was uns ins absolute Chaos stürzt: Wer geht und holt den Schlüssel, wie kommt man überhaupt zum Schlüssel ohne über irgendwelche Reisestücke zu stolpern...? In all dem Durcheinander hört man, wie aus der Ferne die Präsidine noch weitere Instruktionen gibt. Ist die Schlüsselübergabe geschafft, entbrennt ein regelrechter Wettlauf, um in sein Zimmer zu kommen, oftmals mit lautem Stöhnen, wenn man sein Zeug zwei oder drei Stockwerke hochschleppen muss. Hat man dann endlich mal eingecheckt, macht man sich daran, das Haus zu erkunden, seine Nachbarn aufzusuchen.
Gegen 12 Uhr mittags gehts meist in Richtung Speisesaal (wer Glück hat, findet ihn sofort, andere wiederum können sich schon mal in den Gemäuern und Fluren verirren, aber bisher ging noch nie jemand verloren).
Das Mittagessen an sich ist immer eine Wucht. Man schlägt sich den Magen voll und wünscht sich anschließend am liebsten in sein Bett. Nur selten wird was daraus. Im Speisesaal wird immer wiederholt, dass wir uns um 14:00 Uhr zum Singen im Probensaal treffen. Wer früh genug kommt, kann sich dem Gerangel um die mehr oder weniger vorhandenen Notenständer entziehen. Ausgerüstet mit genügend Wasser, Tee oder Ähnlichem - und nicht zu vergessen den Hustenbonbons - kann es also los gehen. Nach einer kurzen Ansprache von Eva, dem Einsingen und nachdem man also einige Stücke angesungen hat, ist schon wieder Pause. Ja, es ist 15:30 Uhr und es gibt Kaffee und Kuchen. Allerdings ist diese Pause meist nur eine halbe bis dreiviertel Stunde lang (reicht aber locker für zwei Stück Kuchen oder drei Tassen Kaffee oder Tee). Danach heißt es dann Proben, Proben, und hin und wieder verschwinden ein oder zwei Sänger, um sich zur Stimmbildung bei den profiliert en Stimmbildnern zu begeben.
Tja, doch auch diese Probenphase erscheint viel kürzer, als sie war. Um 18:00 Uhr nämlich gehts doch tatsächlich schon wieder zum Essen. Das Abendessen beinhaltet meistens ein Buffet aus Wurst- und Käsespezialitäten, etwa 24 verschiedenen Semmeln und Brotscheiben, ungefähr 15 verschiedenen Salatvariationen und leckerem Früchte-oder Schwarzem Tee. Danach haben wir noch etwas länger Pause, bis es dann um halb acht weiter geht mit fröhlichen Gesängen. Diese Probenphase dauert oft bis neun, halb zehn.
Man könnte meinen, wir haben schon soviel gesungen, dass jeder einzelne todmüde ins Bett fällt. Falsch, jetzt heißt es nämlich: "Ab in den Bierkeller des Hauses", denn nach so einem Probentag haben wir immer noch nicht genug vom Singen; jeder muss seine grüne Mappe rausholen und das Standardrepertoire des JKC wird rauf und runter gesungen - dies in mehr oder weniger richtigen Tonarten (aber in den Gewölben eines Bierkeller s hallt es so stark, dass man "kaum" merkt, ob es falsch oder richtig ist). Dennoch gibt es ein Phänomen: Je später der Abend, desto schräger und schiefer der Gesang. Das liegt zum einen natürlich an der Überanstrengung, aber vielleicht auch an dem einen oder anderen kleinen Glas Wein oder Bier, das man sich hin und wieder- in Maßen natürlich - genehmigt.
Der erste Abend findet meist seinen Ausklang mit dem dahingeschmachteten "Abendlied" von Rheinberger.
Das Frühstück, welches man von 7:00 bis 9:00 Uhr einnehmen kann, wartet mit frischen Semmeln und Broten, Marmelade, Honig, Wurst, Käse usw. auf. Besonders dem Kaffee zum Wachwerden sind die meisten Chormitglieder besonders zugeneigt. Viele sind erst kurz vor 9:00 Uhr aufgestanden (erkennbar u.a. am Blick, aber auch an den noch immer vor Nässe triefenden Haaren), und freuen sich noch mehr über frischen Kaffee als die Übrigen.
Die Probe um halb zehn, wird mit etwas lockeren Übungen, wie "Hampelmann", Strecken, auf der Stelle laufen und so weiter, eingeleitet, doch man hört eher wieder Geseufze und Gestöhne über schmerzende Schultern, verzogenen Nacken oder knacksende Knochen. Dennoch wird hierbei auch der letzte frisch und man macht sich wieder mit frohem Mut ans Werk. Um die Mittagszeit dann wieder Essen, um 14:00 Uhr weiterproben, 15:30 Kaffee und Kuchen, 16:00 Proben, 18:00 Uhr Abendessen und so weiter und so fort.
So geht es Tag für Tag: Essen - Singen - Essen - Schlafen oder Spazierengehen - Singen - Essen - Singen - Essen -Schlafen - Singen und im Bierkeller singen - Schlafen....
Am 29. Dezember allerdings findet unsere jährliche Mitgliederversammlung statt. Inhaltlich geht es um das vergangene Jahr mit Feedback, Kassenstand usw., das kommende Jahr mit Repertoire, Auftritten usw. und alle zwei Jahre wird das Gremium des Vereins gewählt.
An Silvester gibt es auch eine kleine Änderung hinsichtlich der Probenphasen. Es wird da nämlich nur bis Mittag geprobt, denn der Nachmittag ist für die Vorbereitung und das Einstudieren der einzelnen Programmpunkte der Silvesterfeier reserviert.
Die Probenwoche ist wirklich ein Ereignis, und Silvester mit dem Chor zu feiern gehört auf jeden Fall dazu: Ein Hoch auf alle vergangenen und zukünftigen Probenwochen.
Fabiola Romania und Theresa Burger, überarbeitet von Ulla Seitz