Stimmbildung
Ein guter Chorleiter bemüht sich notwendigerweise ständig, alle Singenden zu einem ausgewogenen und einheitlichen Chorklang zu führen.
Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: entweder werden die Singenden angehalten, die Vokale nach einem gegebenen Farbton aufzuhellen oder einzudunkeln ohne
die Grundfarbe der einzelnen Stimme dabei zu berücksichtigen. Dieser Klang steht - aber er ist starr und schwingt nicht. Daher bleibt er in
der Intonation stets ungenau. Ein so gebildeter Chorklang lebt nicht. Die andere Möglichkeit ist, dass jeder Singende seine eigene Tongebung
sucht. In konzentrierter Vokalvorstellung können sich Lippenstellung, Mundform in die individuellen Gegebenheiten einspielen. Hellere und dunklere
Stimmen ergänzen sich gegenseitig, wenn sie gelöst aufeinander einschwingen können. Sie wachsen zu einem einheitlichen lebendigen
Chor zusammen. Es steht wohl außer Frage, dass die zweite Möglichkeit zu bevorzugen ist. Doch wie kann sich die eigene Stimme entwickeln? Für
den Stimmbildner ergeben sich folgende Aufgaben: die Korrektur grundlegender Fehler im körperlichen Bereich, im Bereich der Atmung und im Bereich
der Stimme, die Arbeit an der Verbesserung der drei Bereiche und die Betreuung der Stimme.Das Instrument des Sängers ist nicht die Kehle, nicht der Kopf, sondern der ganze Körper; daher muss dieses “Körperinstrument” in Ordnung sein, wenn von ihm eine bestimmte Leistung erwartet wird.
Der Atem ist für den Gesang Medium und Agens gleichzeitig. Der Atem "spielt das Instrument", ist aber gleichzeitig auch in tönende
Schwingung versetzte Luft. Ohne ihn oder bei Atemstillstand gibt es keinen Ton. Der Atem verleiht dem konsonantischen Teil der Sprache Kontur. Der Atem
kann außerdem die Verbindung zur Seele herstellen, das heißt, der gerade erklingende Ton wird Empfindungsträger, ist beseelt.Atmung und Haltung gehören eng zusammen: eine richtige Atmung führt automatisch zu einer richtigen Haltung und umgekehrt.
Eine der Hauptaufgaben der Stimmbildung ist die Arbeit am Ansatzrohr (= der Platz oberhalb der Simmbänder bis zu den Lippen, d.h. Mund-Rachenraum). Dabei wird eine Lockerung und Elastizität dieses Bereiches, verbunden mit der größtmöglichen Weitung, angestrebt. Die Wände des Ansatzrohres müssen so elastisch sein, dass sie durch die einströmende Luft ohne Zwang und Krampf zurückweichen.
Zu Beginn einer Unterrichtseinheit steht bei mir immer eine Bewusstmachung der Haltung. Dies kann entweder dadurch geschehen, dass der Schüler
alle Extremitäten ausschüttelt, oder seinen Oberkörper nach vorn fallen lässt, und sich dann langsam Wirbel für Wirbel aufrichten
soll, oder sich als Marionettenpuppe fühlt, die am Hinterkopf aufgehängt ist und deren Arme und Finger nach oben gezogen werden und dann wieder
runterfallen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass man den Schüler in seiner Haltung entspannt und ihn eine sinnvolle
Spannung aufbauen lässt. Eine gute Erfahrung bei sehr verspannten Schülern habe ich mit der Übung gemacht, dass man den Schüler erst sich
ganz bewusst verkrampfen lässt, bis sogar schon der Atem stockt, und dann sagt, er solle locker lassen. Diese Entspannung führt in den meisten
Fällen automatisch zur richtigen Haltung. In direktem Zusammenhang zur Haltung steht die Atmung, der nächste Punkt, auf den man bei der
Stimmbildung achten sollte. Viele Laien beherrschen nicht die kostoabdominale Atmung, sondern ziehen die Schultern hoch oder atmen nur in den Brustkorb.
Durch leichte Zwerchfellfederungen auf p, t, k, f, sch, s wird die Körpermitte angeregt und auch die Atmung tiefer geführt. Manchmal ist es auch ganz
hilfreich, dem Schüler seine Atemweise bewusst zu machen wenn er liegt, denn in dieser Lage atmet jeder Mensch von Natur aus richtig. Nach den Zwerchfellimpulsen
lasse ich meine Schüler meist ein längeres stimmloses s sprechen, wobei sie darauf achten müssen, dass dabei die Kehle offen bleibt und
sie schon im s eine Vorstellung entwickeln, wie sie dann singen wollen. Das führt zur nächsten Übung, die erste Übung mit Ton.Diese ist bei mir meist auf "so" und beginnt in der oberen Mittellage. Ich gehe dann halbtonweise nach unten, bis ich nahezu an die unterste Grenze komme. Dann beginne ich einen Halb- oder Ganzton höher. Dabei ist mir kein schöner Klang wichtig, sondern dass der Schüler einen natürlichen Einstieg in seine Stimme findet. Er muss aber die richtige Einstellung im Ansatzrohr finden und die Stimme auf dem Körper haben. Anschließend mache ich aus dieser Übung eine Legato-Übung, d.h. der Schüler muss den Klang des ersten Tones bis zum letzten weiterführen.
Hat der Schüler noch nicht die Fähigkeit, diese Übung auf dem Körper zu singen, beginne ich tiefer und lasse ihn einen Dreiklang aufwärts meist auf u singen, da bei diesem Vokal der Kehlkopf am tiefsten und entspanntesten liegt. Diese Übung wird schrittweise nach oben und unten geführt, bis der Kontakt abbricht. Dann höre ich auf und steigere den Ambitus dieser Übung erst nach und nach, da ich möchte, dass der Schüler nur seinen neuen Klang hört und sich diesen einprägt. Jetzt folgen meist Übungen, um die Stimme zu stabilisieren und dem Schüler Mut zu geben, auch einmal laut zu singen. Diese Übungen sind zum größten Teil legato-Übungen, die in der Tiefe beginnen und einen Ambitus von mindestens einer Quinte und höchstens einer Oktave haben. Zum Schluss mache ich mit meinem Schüler entweder eine Übung zur Beweglichkeit der Stimme oder eine Übung mit großem Umfang. In diesen Übungen zeigt sich ganz deutlich, was der Schüler umsetzen kann und was man weiter vertiefen muss, weil wenig der gelernten Technik in die Übungen mithineingenommen werden konnte.
Katrin Sander